Wie der weite Raum

Dharma und Heilung

 

Die Anwendung des Dharma für ganzheitliche Heilung und Spiritual Care

Von Martina Romanski

 

Zu Beginn eine Geschichte, die in unterschiedlichen spirituellen Traditionen und Varianten existiert. In seinen Belehrungen erzählte sie uns Ringu Tulku Rinpoche des öfteren:

„Ein Mann aus der Menschenwelt bat einmal einen Deva (ein Wesen aus einer höheren Welt) darum, Himmel und Hölle, also die höheren und niederen Bereiche von Lebewesen, sehen zu dürfen. Der Deva war einverstanden und begleitete den Mann. Er führte ihn zuerst in einen großen Raum, in dessen Mitte eine reich gedeckte Tafel mit den köstlichsten Speisen stand. Rundum saßen Wesen mit langen Löffeln und versuchten zu essen. Aber sie sahen trotz der wunderbaren Gerichte blass, mager und elend aus. Es herrschte eine eisige Stille. Denn die Stiele ihrer Löffel waren so lang, dass sie das herrliche Essen nicht in den Mund bringen konnten. Als die beiden Besucher wieder draußen waren, fragte der Mann den Deva, welch ein seltsamer Ort das gewesen sei. Es war die Welt der Hungergeister, die Welt der Begierde und des Geizes.

Daraufhin führte der Deva den Mann in einen zweiten Raum, der genauso aussah wie der erste. In der Mitte stand wieder die reich gedeckte Tafel mit köstlichem Essen. Die Wesen dort hatten auch alle lange Löffel in der Hand. Aber sie waren gut genährt, gesund und glücklich. Sie unterhielten sich angeregt. Sie versuchten nicht, sich selbst zu füttern, sondern benutzten die langen Löffel, um sich gegenseitig das Essen in den Mund zu schieben. Dieser Raum war eine Brahma-Welt, eine Welt voller Mitgefühl und liebender Güte.

 

Ob es sich nun um zu lange Löffel handelt oder asiatische Essstäbchen, die Aussage bleibt – es geht um die tiefe Fürsorge in einer Gemeinschaft, um das Da-Sein für Andere und in der Folge um den Erhalt eigener Nahrung, um das eigene „Satt werden“ an Körper und Geist.

Die Rezepte für unser Heilwerden stehen in den Reden Buddhas. Die Zubereitung und „Nahrungsaufnahme“ liegt in unseren Händen. Es liegt an uns, Verantwortung für das eigene innere Heil-Werden zu übernehmen.

 

Anwendung des Dharma für die ganzheitliche Heilung

 

Heilung im ganzheitlichen Sinne umfasst Körper und Geist gleichermaßen. Damit ist die Abwesenheit von Krankheit auf physischer und psychischer Ebene gemeint. Aber wo liegt die Primärursache? Der Buddha lehrte, dass die Wurzel aller Krankheiten aus Gier, Hass und Verblendung besteht. Die Primärursache liegt also im Geist, vom Geist gehen die Dinge aus. Folgen wir unseren Verhaltensmustern auf den Grund, so können wir erkennen, dass die ursprüngliche Motivation für unsere Handlungen häufig durch diese drei Geistesgifte geprägt ist. Wir fühlen uns daraufhin schlecht, werden durch unsere Gefühle und Reaktionen belastet.

 

Der Buddha zeigt uns die andere Handhabung des Löffels aus un-serer Geschichte. Es geht um das Erkennen und die klare Sicht auf die Primärursachen, die wir setzen. Je mehr wir uns die buddhistischen Praxismethoden aneignen und in unseren Alltag bringen, desto klarer und deutlicher wird die eigene Wahrnehmung in Be-zug auf gut und schlecht. Unser Alltag bietet ein wunderbares Trainingsprogramm. Jeder Mensch dem wir begegnen, jede Handlung und Situation können wir nutzen, um heiler, klarer zu werden und auf dem Pfad einen Schritt vorwärts zu kommen.

 

Auch wenn aller Anfang schwer ist, oder es Durststrecken gibt:

Nicht aufgeben! Oft  hilft es, zurück zu schauen und sich zu erinnern, wie es war, bevor man den Weg angefangen hat zu gehen. Was hat sich in meiner Sichtweise schon alles verbessert? Wie gehe ich jetzt mit Emotionen um? Tägliche Praxis, und sei sie auch noch so kurz, hilft weiter - für einen selbst und in der Begegnung  mit Anderen.

 

Spiritual Care

 

Im Dharma Tor bekommen wir auch Methoden an die Hand, die uns bei der Begleitung von kranken und alten Menschen unter-stützen. Wir lernen unseren Geist immer offener, mitfühlender und entspannter werden zu lassen. Die energetische Stabilität unterstützt uns in schwierigen Situationen. In der buddhistischen Sichtweise des "spirituellen Sich-Kümmerns" geht es um einen Mittelweg, um die Balance zwischen zuhören und sprechen. Es geht um Hingabe nicht Aufopferung, Gleichmut nicht Gleichgültig-keit. Es geht um einen mitfühlenden Geist - für den Anderen und für sich selbst.

 

 

Artikel zuerst erschienen in der Festschrift zum 15-jährigen Bestehen des Dharma-Tor Sangha.

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